Geschichte lebendig gemacht

Interview mit Söhnke Vosgerau zur Auszeichnung für Hertha und das Fanprojekt der Sportjugend Berlin mit dem Julius-Hirsch-Preis durch den Deutschen Fußball-Bund

Der Deutsche Fußball-Bund hat das Kooperationsprojekt „Aus der eigenen Geschichte lernen“ mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet. Die Preisverleihung, mit der Vereine und Initiativen gegen Antisemitismus und Rassismus gewürdigt werden, fand am Sonntag im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund statt. Mit dabei waren der Historiker und Mitarbeiter des Berliner Fanprojekts, Söhnke Vosgerau, und eine Gruppe von 20 Hertha-Fans, die mitgearbeitet haben.

Was habt Ihr in dem Projekt konkret gemacht?

In den vergangenen drei Jahren haben wir uns mit der Geschichte von Hertha BSC im Nationalsozialismus beschäftigt. Das Projekt hatte dabei viele unterschiedliche Facetten: Zeitzeugengespräche, thematische Führungen, Gedenkstättenfahrten und zwei Rechercheprojekte zu jüdischen Mitgliedern von Hertha BSC. Zunächst haben wir uns mit dem Olympiastadion befasst. Und Zeitzeugen zu Gesprächsrunden eingeladen, die bei den Olympischen Spielen 1936 dabei waren, zum Beispiel eine Tänzerin und einen Besucher, der von den Spielen begeistert war und erst als verwundeter Soldat der Wehrmacht die Zusammenhänge verstand. An einem weiteren Gespräch mit Walter Frankenstein, dem ältesten Hertha-Fan, haben kürzlich 250 Gäste teilgenommen. Er hat die Judenverfolgung in Berlin überlebt, ist jetzt 94 und war mit uns erstmals nach dem Krieg wieder im Olympiastadion. Wir organisieren jährliche Gedenkstättenfahrten mit Fans von Hertha und Karlsruhe nach Ausschwitz. Außerdem haben wir in aufwendigen Rechercheprojekten die Biografien von zwei jüdischen Vereinsmitgliedern Dr. Hermann Horwitz und Eljasch Kaschke erforscht, die beide in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Das Buch „Dr. Hermann Horwitz – Eine Spurensuche“ erschien 2017 und bekam viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Inwiefern ist es Teil des Projekts?

Das Buch ist das Ergebnis unserer Recherchearbeit mit Hertha-Fans. In dem Buch „Hertha unter dem Hakenkreuz“ sind wir auf Dr. Hermann Horwitz gestoßen. Er war Mannschaftsarzt von Hertha in den 1920er und frühen 1930er Jahren und wurde 1943 als jüdischer Berliner nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Viel war jedoch über ihn und sein Wirken nicht bekannt. Wir haben beschlossen: Wir erforschen sein Leben.

Wie lange hat die Gruppe an dem Buch gearbeitet?

Eigentlich sollte die Recherche drei Monate dauern. Letztendlich wurden es anderthalb Jahre mühsamer Arbeit. Wir haben alle relevanten Archive konsultiert und Unmengen von Dokumenten ausgewertet, zum Beispiel alle Berliner Adressbücher aus jener Zeit. Am Ende haben uns Zufallstreffer und das zu diesem Zeitpunkt noch reichlich ungeordnete Vereinsarchiv die größten Erfolge beschert. Mein allergrößter Respekt gilt den engagierten Fans, die in ihrer Freizeit nach Feierabend und am Wochenende mitgearbeitet haben.

Gab es besonders bemerkenswerte Entdeckungen bei der Recherche?

Wir haben den Großneffen eines jüdischen Berliner Arztes ausfindig gemacht, der Ausschwitz überlebt hat, weil er während der Selektionen von Herrmann Horwitz gerettet wurde. In den Akten aus dem Krankenblock stand, dass Horwitz dort als Hilfsarzt tätig war. Wir vermuten sogar, dass er mit anderen jüdischen Lagerärzten durch geschicktes Handeln weiteren Menschen das Leben gerettet hat.

Was hat Horwitz für Hertha geleistet?

Horwitz hatte eine eigene Praxis und die Top-Mannschaft, die damals zweimal Deutscher Meister wurde, ehrenamtlich als Sportarzt betreut. Er schrieb ein Buch über Sportmassage. Sportmedizin war damals etwas total Neues. Er beschreibt, wie ein Arzt und Physiotherapeut durch gezielte Anwendung die Spieler fitter machen kann. Er führte Ernährungsregeln bei Hertha ein. Er war also maßgeblich am Erfolg von Hertha beteiligt. Das belegt auch die Festzeitung nach dem ersten Meistertitel. Darin steht ein Lied, das jeden Spieler mit einer Strophe würdigt. Eine Strophe ist für Horwitz. Trotzdem wurde er 1938 gemeinsam mit fünf weiteren jüdischen Mitgliedern aus dem Verein ausgeschlossen.

In welche Projekte fließen die Ergebnisse der Recherchearbeit ein?

Die Ausstellung „Hauptstadt-Fußball – 125 Jahre Hertha BSC im Ephraim-Palais erzählte anhand von elf Personen die Geschichte von Hertha. Eine davon war Horwitz. Seine Biografie wird im Holocaust-Mahnmal verlesen. Wir organisieren Stadt- und Olympiastadionführungen auf den Spuren von Hermann Horwitz und Eljasch Kaschke, der auch Hertha-Mitglied war und nach Sachsenhausen deportiert wurde. Wir sind auf das Datum 26. 9. 1938 gestoßen. An dem Tag wurde Kaschke mit anderen Mitgliedern, aus dem Verein ausgeschlossen. In einem weiteren Rechercheprojekt haben wir nun gemeinsam mit der Gedenkstätte Sachsenhausen sein Leben erforscht.

Was hat das Projekt mit den Fans gemacht?

Es gibt eine sehr hohe Identifikation mit dem Thema. Man kommt jemandem schon sehr nahe, wenn man sich so stark mit einer Person beschäftigt. Manchmal mussten wir sogar deutlich machen: Wir wollen Personen rehabilitieren, sie aber nicht überhöhen. Auch bei den Fans in der Kurve ist über unsere Arbeit diskutiert worden, da gab es teilweise auch sehr kritische Kommentare. Wir sagen aber: „Horwitz hat die einzigen zwei Meisterschaften mit gesichert, die Hertha bis heute gewann. Und ihr sagt, das hätte nichts mit eurem Verein zu tun?“ Wir versuchen so auch für heutige Ausschlüsse und diskriminierende Umgangsformen zu sensibilisieren. Durch die konkrete Beschäftigung mit der eigenen Geschichte bauen wir Brücken, die stärker tragen als allgemeine Appelle. Es gibt jetzt auch andere Fangruppen, die versuchen, in diese Richtung zu wirken und die Kurve für solche Themen zu öffnen.
Eine Gruppe von Fans hat nun den Antrag gestellt, dass auf der Mitgliederversammlung von Hertha Ende November, alle jüdischen Mitglieder, die im September 1938 ausgeschlossen wurden, wieder in den Verein aufgenommen werden.

  • Julius-Hirsch-Preisverleihung
  • Söhnke Vosgerau, Historiker und Mitarbeiter des Berliner Fanprojekts