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Ein Interview mit dem Berliner Turn- und Sportclub e.V. -Schwimmabteilung- zur aktuellen Situation von Vereinen

Wir haben uns gefragt wie die Vereinsarbeit in Zeiten von Corona aussieht, vor welchen Herausforderungen Vereine stehen und ob die Krise auch eine Chance für Vereine mit sich bringen kann? Ebenso wollten wir wissen wie ein Freiwilligendienst im Sport in der aktuellen Zeit funktionieren kann? Genau diese Fragen haben wir an Maren Nagel, Leiterin des Trainingszentrums, und an die BFDlerin Christin Kamlage vom Berliner TSC e.V. -Abteilung Schwimmen- gestellt.

 

Wie sieht dein BFD-Alltag in Zeiten von Corona aus? bzw. Wie sieht der Vereinsalltag in Zeiten von Corona aus?

BFDlerin Christin: "Zu Beginn der Quarantäne war es für mich sehr ungewohnt nicht jeden Tag in die Schwimmhalle zu fahren. Stattdessen habe ich dann die letzten Trainingseinheiten gründlich ausgewertet. Ebenfalls habe ich mir Notizen zu den Kindern gemacht, damit ich über die lange Zeit nicht vergesse, was sie alles können, gelernt haben und wie ihr Sozialverhalten ist. Durch den Lockdown wurde auch mein Trainerlehrgang unterbrochen. Damit ich aber trotzdem die Theorie lernen konnte, wurde das Lehrmaterial und die Aufgaben per Mail verteilt. Wenn man auch ein bisschen Zeit hat, dann schaut man auch weitere Videos, liest Artikel oder ähnliches um mehr übers Schwimmtraining zu lernen und neue Übungen zu finden. Als Verein wollten wir aber auch das sportliche Angebot für die Kinder nicht ausfallen lassen. Zuerst haben wir als Trainer*innen YouTube Videos gedreht, die die Kinder dann zu Hause nachmachen können. Viele haben das Angebot dann auch angenommen und ich habe auch selber großen Spaß daran gefunden. Ebenfalls habe ich gemerkt, wie aufwendig es ist ein Video mit der Länge von 10-15min zu drehen. Somit ist dann auch schon mal ein ganzer Tag damit vergangen, nur 2 Videos zu drehen. Gleichzeitig haben wir die Zeit genutzt, um das Online Training zu planen und zu proben. Somit schreibe ich dann regelmäßig Trainingspläne und führe das Training vor der Kamera vor. Ab nächster Woche weiten wir das Training dann noch auf weitere Gruppen aus. Ich kann es kaum abwarten viele der Kinder endlich wiedersehen zu können, auch wenn es nur auf dem Bildschirm ist.“

Maren Nagel (Leiterin Trainingszentrum): „Da das Schwimmtraining leider derzeit komplett pausieren muss, haben einige unserer Trainer*innen Traininngseinheiten für die unterschiedlichen Alters- und Leistungsgruppen in unserer Abteilung aufgenommen und auf Youtube eingestellt. Diese Videos wurden sehr gut von unseren Sportlern*innen angenommen. Dann haben wir aber festgestellt, dass das Bedürfnis nach dem sozialen Miteinander doch sehr groß ist. Inzwischen bieten wir zusätzlich regelmäßige Athletiktrainingseinheiten für sämtliche Gruppen als Webinare an. Darüber hinaus haben wir ein kleines Sportquiz erstellt und führen derzeit sogar eine virtuelle Vereinsmeisterschaft durch. Hierbei müssen die Sportler*innen einen kleinen "Sport-Parcour" zu Hause absolvieren, die Zeit stoppen und uns das Video hochladen. Wir sind schon auf die Ergebnisse gespannt.“

 

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für dich im BFD? bzw. Was sind aktuell die größten Herausforderungen für den Verein?

BFDlerin Christin: „Am Anfang habe ich die Kinder schon vermisst. Mir fehlte der direkte Kontakt zu ihnen. Jetzt sind wir im Onlinetraining und da kann ich die Kinder immerhin wiedersehen, aber trotzdem ist da eine gewisse Distanz. Ich habe weniger Feedback als Trainerin. Zudem kann ich die Kinder, finde ich, schlechter motivieren, auch schlechter Tipps geben oder die Ausführung korrigieren. Einerseits sehe ich die Kinder schlechter über den Bildschirm und die Kinder sehen mich schlechter beim Vormachen, andererseits kann ich als Trainer*in auch keine Hilfestellung geben. Wenn ich dann den Kindern versuche zu erklären, was sie besser machen können, sind sie nicht immer in der Lage das umzusetzen. Auch eine Herausforderung ist es ein Video zu schneiden und hochzuladen, wenn man sowas vorher noch nie gemacht hat. So musste ich mich auch erstmal mit dem Schneideprogramm zurechtkommen. Aber nach ein paar Versuchen hat auch das funktioniert.“

Maren Nagel (Leiterin Trainingszentrum): „Wir sind als Verein eine Sportgemeinschaft und haben neben der Möglichkeit der sportlichen Betätigung auch eine große soziale Aufgabe. Unsere Mitglieder schätzen das Training und auch das Miteinander. Das Aufrechterhalten der sozialen Gemeinschaft ist aus meiner Sicht eine große Herausforderung.“

 

Siehst du in der Krise auch eine Chance? (bezogen auf den Verein)

BFDlerin Christin: „Durch die Krise hatte ich auch noch mehr Zeit mich über die Studiengänge zu informieren und die nötigen Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen. Aber auch meinen Computerkenntnisse haben sich durch das Online Training deutlich verbessert. Für den Verein sehe ich verschiedene Chancen. So kann man den YouTube Kanal ausbauen für die normalen Schließzeiten der Schwimmhalle (Schulferien). Damit bietet man allen Kindern die Möglichkeit auch in den Ferien Sport zu treiben. Zudem kann man dort Themen aufgreifen und Übungen machen, für die im Trainingsbetrieb wenig Zeit bleibt. Aber auch als Begleitung zudem normalen Trainingsbetrieb ist es eine Möglichkeit, gerade für die Kinder im Grundschulalter. So kann jeder Sportler*in, die es einmal nicht zum Training schafft, trotzdem zu Hause schwimmspezifische Übungen machen.“

Maren Nagel (Leiterin Trainingszentrum): „Unser Athletiktraining wird derzeit sehr gut angenommen und von vielen Mitgliedern und deren Familien und Freunden geschätzt. Sicherlich ist es nicht ganz so persönlich wie ein gemeinsames Training, dafür spart es teilweise viel Zeit und Fahrtwege. Ich könnte mir durchaus vorstellen auch nach der Coronakrise ein virtuelles Athletiktraining als Ergänzung zum Training vor Ort anzubieten. Auch habe ich die Möglichkeit der Videokonferenzen sehr zu schätzen gelernt. Auch hier sehe ich eine Möglichkeit die Belastung der ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen etwas zu reduzieren, indem nicht unbedingt jede Sitzung mehr live und vor Ort durchgeführt werden muss.“

 

Was nimmst du aus dieser besonderen Situation für die Zeit nach Corona mit?

BFDlerin Christin: „Aus dieser Zeit nehme ich für mich persönlich vor allem die intensive Zeit mit meiner Familie mit, bevor ich im Sommer anfange zu studieren. Aber ich habe auch gemerkt, wie wichtig der soziale Umgang mit Freunden ist. Auch in meinem eigenen Training habe ich gemerkt, welchen Unterschied es macht, ob man alleine, über Zoom oder mit der Mannschaft in der Halle zusammen trainiert. So ist selbst das Training zusammen bei einer Individualsportart wie Schwimmen echt wichtig. So werde ich das in Zukunft noch mehr schätzen. Aber ich nehme auch mit, wie wichtig es ist einen geregelten Tagesablauf zu haben, um alles zu schaffen, gerade wenn man keine festen Termine hat. Durch die Zeit habe ich auch gemerkt, dass unsere Freiheiten und Grundrechte nicht selbstverständlich sind und wir diese schützen müssen.“

Maren Nagel (Leiterin Trainingszentrum): „Ich persönlich habe teilweise das Gefühl, dass die Welt ein bisschen menschlicher geworden ist. Kinder und Homeoffice gehören wieder mehr zum Berufsalltag. Ich würde mir sehr wünschen, dass davon ein bisschen erhalten bleibt.“